Entschleunigung

Die Hektik im Alltag

Es gibt nicht wenige Tage, an denen ich zugeballert mit Foto-Terminen quer durch die Gegend hetze. Die meisten davon sind weder zeitlich gut getaktet noch in komfortablen Abständen zueinander. Ich frage mich dann schon oft, wie das logistisch ohne Privat-Hubschrauber zu schaffen sein soll. Da wird das Fotografieren manchmal zur Nebensache, was die Qualität der Bilder auch nicht gerade fördert.

Um die Freude an der Fotografie nicht zu verlieren, arbeite ich ab und zu an freien Projekten, bei denen mir sehr wichtig ist: es darf kein Stress aufkommen! Davon habe ich im Alltag, wie die meisten anderen auch, mehr als genug.

So entstehen manchmal Bilder, die unter Zeitdruck nie möglich gewesen wären. Das Foto im heutigen Blog ist eines davon. Ich war ja unlängst ein paar Tage im Rom und habe viel Zeit damit verbracht einfach durch die Stadt zu laufen. Ohne Zeitdruck und (fast) ohne Plan. Aber völlig “entschleunigt”.

Einfach mal ein paar Gänge runterschalten

Das klingt jetzt vielleicht etwas pseudophilosophisch, aber wenn man es schafft die gewohnte Geschwindigkeit und Hektik des Alltags auszubremsen, dann eröffnen sich andere Eindrücke und es entstehen auch andere Bilder. Natürlich ist das eine Binsenweisheit, ein alter Hut.

Trotzdem beeindruckt es mich immer wieder, wie sich meine Wahrnehmung verändert, wenn ich in einer hektischen Großstadt einfach mal stehen bleibe. Länger stehen bleibe, mich umsehe, Menschen beobachte. Mitten auf einem belebten Platz. Viele Passanten nehmen einen dann nach einer kurzen Zeit kaum noch war, sie sind auf einem anderen “Speed-Level”. Dafür fallen mir dann selbst immer mehr Details auf. Und die Bilder kommen – von ganz alleine.

Aprire la fenestra

Aprire la fenestra
Canon EOS 6D, EF24mm f/1.4L II USM, 1/1000 Sek; f/4,5; ISO 400

Manchmal gehen Fenster auf

Genau so war es auch bei diesem Foto. Ich stand schon länger am Campo die Fiori herum, als mir die Häuserfassade mit der altmodischen Reklame ins Auge fiel. Also suchte ich nach einer spannenden Perspektive. Irgendwie mit dem Weitwinkel von unten die stürzenden Linien verstärken und den Schriftzug zentral ins Bild zu setzen, das war meine Idee. Aber egal wie ich die Kamera drehte und neigte, nichts machte mich wirklich glücklich. Belichtung und Schärfe, alles passte. Aber irgendwie war mir das zu langweilig, irgendetwas fehlte. Plötzlich öffneten sich bei einem Fenster die Läden. Bevor ich noch genau verstand warum, schon klickte der Auslöser. Die Schrift wurde zur Nebensache, die Frau am Rande des Bildes zur Hauptsache. Mir gefiel das Ergebnis.

Lasst die Bilder zu euch kommen

Daher meine heutige Botschaft: wer sich Zeit nimmt, der wird manchmal auf eine unerwartete Art belohnt, das gilt im Besonderen in der Fotografie. Man kann nach guten Bildern jagen – oder einfach warten bis sie zu einem kommen…

2 Gedanken zu „Entschleunigung

  1. Robert Schmitt

    Hallo,
    vor über 30 Jahren habe ich mal ein Buch über Fotografie gelesen. Dort hieß es, stürzende Linien seien zu vermeiden. Heute aber werden sie recht oft als Strukturelement eingesetzt und die Ergebnisse sind ja auch meist ganz gut, wie auch hier. Ist das eine Veränderung der Theorie oder der Sehgewohnheiten? Oder kommt es daher, dass stürzende Linien häufig ganz attraktive Ergebnisse liefern?

    Gruß
    Robert

    Antworten
    1. derguenter Artikelautor

      Hallo Robert, in meinen Augen gibt es in der Fotografie keine Regel die man nicht zwischendurch einfach brechen sollte. Mir wurde das vor gut 30 Jahren auch beigebracht, das stürzende Linien böse sind. In der Architektur-Fotografie hat das ach nach wie vor seine eiserne Berechtigung. Aber wie du schon selber sagst, unsere Sehgewohnheiten haben sich auch geändert. Extreme Blickwinkel sind immer ein Eye-catcher und durch die Verfügbarkeit sehr kurzer Weitwinkel-Objektive sehr leicht zu erstellen. Man sollte sie nur nicht zu inflationär einsetzten sonst verpufft der Effekt sehr schnell.

      Antworten

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