Archiv für den Monat: Juni 2014

Es leben die Klischees

Fiat 500 im Abendlicht

Fiat 500
Canon EOS 6D, 24,0 mm, 1/2500 Sek; f/3,5; ISO 400

Es ist schwer bei jedem Bild das Rad neu zu erfinden. Warum nicht zwischendurch auf alte Klischees zurückgreifen?  Vor allem wenn sie so charmant daher kommen…

Kopfkino

Wenn ich an Italien denke, dann startet sehr schnell mein persönliches Kopfkino. Wunderbares Essen, guter Wein, grandiose Landschaften, unschätzbare Kulturgüter, schöne Frauen, mitreisende Musik, laue Sommernächte, das Meer – die Liste ist nach vielen Reisen schier endlos. Und natürlich sind da im Lauf der Zeit auch viele Klischees entstanden. Zum Teil sind diese sehr emotional besetzt, im positiven wie im negativen Sinne. Warum sich dies nicht auch beim fotografieren zu nutze machen?

Klischees haben Potential

Wenn ich sehe wie viele Reaktionen alleine ein Bild eines alten Fiats oder einer Vespa im geparkten Zustand vor einer Hauswand bei fotocommunity.de erzeugt, lässt schnell das emotionale Potential solcher Fotos erkennen. Und Emotionen sind ein wesentlicher Bestandteil erfolgreicher Fotografie.

Das bedeutet jetzt nicht, dass ich mir ständig überlege was ich fotografieren muss um möglichst viele Betrachter anzusprechen. Aber gelegentlich Sehnsüchte und Klischees zu bedienen ist auch kein Verbrechen, vor allem wenn sie so charmant ums Eck kommen.

Kein geplantes Motiv

Der alte Fiat ist mir zufällig aufgefallen, da er auf einer der verkehrsreichsten Straßen der römischen Innenstadt fast alleine zwischen zwei Ampelphasen angerauscht kam. Ohne  aus der Entfernung genau sehen zu können wer darin sitzt oder ob sich das Motiv wirklich lohnen würde griff ich nach der Kamera. Glücklicherweise hatte ich gerade ein passendes Objektiv, ein 24mm Weitwinkel montiert, was mir gut passte, da ich auch die Umgebung mit einbeziehen wollte. Den Hintergrund nicht verwischen lassen, aber durch eine leichte Unschärfe vom Vordergrund zu trennen war die Absicht. Daher öffnete ich schnell die Blende auf den Wert von 3,5 (wenn ich noch etwas mehr Zeit zum überlegen gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich sogar bei Blende 2,8 oder 2 gelandet um den Effekt noch zu verstärken).

Manchmal muss es einfach schnell gehen

Aber bei solchen Motiven müssen einfach sehr schnell Entscheidungen getroffen werden, sonst ist es zu spät. Fokussieren, Bildausschnitt bestimmen und abdrücken, dafür bleiben oft nur Sekunden. Erst danach habe ich realisiert, wie viel Charme das Foto mit der alte Kiste mit den Beulen im Abendlicht hatte. Und welche charmante Fracht sie beförderte.

Was die Italien-Flagge betrifft, am Tag danach flogen die “Azzurri” aus der Fussball WM. Sorry Mädels und vielen Dank für dieses Bild!

Speeeeed!

Bewegungen in ein Standbild umzusetzen ist immer eine fotografische Herausforderung. Ich zeige hier mal eine mögliche Lösung: das “Mitziehen”

Jeder der schon einmal eine italienische Stadt besucht hat kennt diese Situation: ein Heer von knatternden, hupenden und qualmenden benzinbetriebenen Zweirädern saust unablässig mit nahezu Lichtgeschwindigkeit durch die Straßen und Gassen.

Ein Scooter brettert über den Piazza Venezia

Ein Scooter brettert über den Piazza Venezia Canon 6D, EF24-105mm f/4L IS USM bei 32,0 mm, Belichtung: 1/40 Sek; f/16; ISO 100

 Das Zweirad in freier Wildbahn

Während man in der “Gewöhnungsphase” noch mit Überlebensängsten kämpft, so erwacht mit dem aufkommenden Übermut bald der Wunsch die furchtlosen Piloten mit ihren tollen Kisten aufs Bild zu bannen.

In der “Annäherungsphase” tut man gut daran aus sicherer Position (z.B. Bürgersteig) einzelne Exemplare ins Auge zu fassen und ihre Bahnen zu folgen um ein Gefühl für die Geschwindigkeit der Vespas, Guzzis und ihrer Artgenossen zu entwickeln. Schließlich gilt es ja den Bildausschnitt und die Schärfe entsprechend anpassen zu können. Wobei die Besitzer von Kameras mit schnellem Autofokus hier deutlich im Vorteil sind.

Das geht dann meist bald über in die “Jagtphase”, an deren Ende vorzeigbare Bildausbeute diverser Scooter stehen sollte. Und hier kommt dann auch die erste Ernüchterung! Während die  Freude über einen sauberen Abschuss (scharf, zwei Räder und der Kopf des Fahrers ist auch noch drauf) beginnt sich breit zu machen, stellen wir fest: irgendwie langweilig! Die Mopeds, Roller und Motorräder sehen auf den Bildern fast aus als ob sie stehen…

Die Crux mit der Schärfe

Mit kurzen Belichtungszeiten fotografiert sind die Kamikazes zwar scharf und offenbaren Details die einem im schnellen vorbeifahren oft entgehen aber von ihrer Dynamik bleibt auch nur wenig übrig. Wählt man hingegen längere Verschlusszeiten stellen sich schnell Bewegungs- unschärfen ein die auch nicht wirklich gut aussehen.

Rom

Bei kurzer Belichtungszeit wirkt die Vespa sehr statisch

“Mitziehen” als Option

Ich persönlich versuche das Problem durch “mitziehen” zu lösen. Gemeint ist damit die Kamera in der gleichen Geschwindigkeit wie das zu fotografierte Objekt zu bewegen und dabei mit einer relativ langen Verschlusszeit auszulösen. Im Idealfall bleibt das Fotoobjekt hier relativ scharf während der Hintergrund verwischt und dabei den Eindruck der Geschwindigkeit verstärkt.

Übung macht den Meister

Natürlich bedarf es hierbei einer gewissen Übung und Erfahrung. Während es in Zeiten analoger Fotografie mit einem gewissen materiellen und zeitlichen Aufwand verbunden war hier zu üben oder Versuchsreihen zu erstellen, geht das heutzutage doch recht komfortabel.

Am einfachsten ist es das gewünschte Motiv in einiger Entfernung mit dem Autofokus zu erfassen und ihm mit gleichbleibender Bewegung zu folgen. Nach Möglichkeit nicht schneller oder langsamer werden sondern exakt folgen und dann mitten in der Bewegung auszulösen. Dabei nicht stoppen bevor die Kamera die Belichtung beendet hat. Sobald man den richtigen Schwung raus hat einfach mal ein wenig mit Zeit und Blende spielen und die unterschiedlichen Ergebnisse vergleichen. An einer gut befahrenen Straße lässt sich das gut üben.

Meine persönlichen Einstellungen

Eine Standarteinstellung für alle Arten von bewegten Motiven kenne ich leider auch nicht aber ich komme mit

  • Verschlusszeiten zwischen 1/30 s und 1/125 s und
  • Blende 8 – 16 gut klar

da bei schnellen Bewegungen gerne der Bereich der Schärfentiefe etwas größer sein darf.

Letztendlich nutze ich auch die Möglichkeit  “nachzujustieren” wenn sich Aufnahme wiederholen lässt. Und noch ein Tipp: nicht mit Zeitautomatik arbeiten da sich die Verschlusszeiten während des Verschwenkens dabei nicht kontrollieren lassen. Lieber der Kamera die Zeit fest vorgeben und dabei die Blende nachjustieren lassen (Blendenautomatik) oder mit manueller Einstellung arbeiten.

Viel Spaß beim ausprobieren!

Perspektive ist eine Frage des Standpunktes

Das ist er jetzt also, mein erster Blogeintrag. Angefangen hat das alles mit einem ziemlich langen Abendessen auf einer Dachterrasse in der Nähe des alten Schlachthofes im römischen Stadtteil Testaccio. Meine beiden alten Freunde Andreas und Jörg, beide gestandene Fotoingenieure, haben versucht mich davon zu überzeugen, dass es mir ganz neue Perspektiven eröffnen würde über meine Arbeit und meine Erfahrungen als Fotograf und Fotojournalist zu bloggen. Dazu hatte ich anfangs allerdings eine eindeutig andere Meinung. Keine Ahnung woran es letztendlich lag, ob am Wein, der guten Küche oder der lauen Sommernacht, aber irgendwann nach Mitternacht beschloss ich meinen Standpunkt zu ändern.

Petersplatz bei Nacht

Petersplatz bei Nacht

Standpunkt – philosophisch und als Fotograf

Und Standpunkt ändern ist auch oft ein wichtiges Thema in der Fotografie. Wir betrachten die Welt ja die meiste Zeit aus der uns gewohnten Perspektive – aus Augenhöhe. Wenn wir laufen, sitzen oder Auto fahren, die Welt aus der uns eigenem Blickwinkel erscheint uns vertraut. Und die meisten Fotos entstehen aus genau dieser Perspektive. Und so wirken diese Bilder dann auch manchmal: Vertraut und dadurch oft wenig spannend.

Perspektivwechsel für Dummies

Dabei ist es recht einfach ungewöhnliche Bildwirkungen zu erzielen:

  • einfach mal die Augenhöhe ändern!
  • Steigt auf einen Stuhl, eine Leiter,
  • geht in die Knie oder
  • legt euch auf den Boden.

So banal das jetzt klingt, die Bildwirkung ist oft verblüffend. Jedes Bild das sich von alltäglichen Sehgewohnheiten unterscheidet wirkt alleine dadurch schon dadurch interessant.

Wie das Bild vom Petersdom entstanden ist

Das Bild vom Petersdom ist genau so entstanden. Zum einen war ich auf der Suche nach einem Blickwinkel den man nicht von jeder Postkarte kennt und zum anderen hatte ich einfach mein Stativ vergessen (worauf wir hier nicht tiefer eingehen müssen).

So habe ich einfach die Kamera mit einem Weitwinkel auf den Boden gelegt und den Geldbeutel unter das Objektiv geschoben um die Neigung auszugleichen. Danach die Blende ein wenig geschlossen um noch mehr Schärfentiefe für das Kopfsteinpflaster zu erhalten, die Kamera auf Selbstauslöser gestellt um beim Auslösen mit langer Zeit nicht zu verwackeln. Fertig war das Bild.

Über Kommentare freue ich mich!